Hutgeschäft der Modistin Margareta Wagner, Hartmannstr. 30

Das Hutgeschäft in der Hartmannstr. 30 ca. 1956/57 :
Eine Nichte Margareta Wagners als Kind auf der Fensterbank sitzend, daneben stehend ein Lehrmädchen.
Margareta Wagner, Modistin <6778>
Lehrbrief und Prüfungszeugnis für Katharina Graf.
Lehrbrief und Prüfungszeugnis von Katharina Graf 1930, ausgestellt von Margareta Wagner am 10.September 1949.

„Margareta war unverheiratet, sehr religiös, hat viele Wallfahrten unternommen. Da früher niemand ohne Hut zur Messe ging, lief der Hutladen gut. Sie hat immer 2-3 Lehrlinge ausgebildet, fuhr auch regelmäßig zur Modemesse nach München.“ Ihr Geschäft in der Hartmannstr. 30 befand sich hinter dem Fenster (heute zubetoniert) auf der linken Seite der Hausfront und in den zwei Räumen nebenan, ca. 70 m². Fr. Gast erinnert sich noch an die Maschinen, die in den Räumen standen und zur Hutherstellung gebraucht wurden, eine arbeitete mit Dampf.

„Bevor Margareta starb, hielt sie sich zur Kur in Österreich auf, bekam dort eine Blinddarmentzündung und wurde in Graz operiert. Am Tag der Entlassung ist sie im Aufzug kollabiert und verstorben, vermutlich an einer Lungenembolie.“ Fr.Gast erinnert sich noch an den Zinksarg in dem ihre Tante nach Maikammer gebracht wurde. Es war das Dorfgespräch. (Erinnerung der Nichte Fr. Gast 2020 im Telefonat mit Heike Scholhölter vom Club Sellemols)

Margareta Wagner <6778>.

„Tante Margret hatte immer eine Gruppe von Bet-Weibern um sich rum versammelt: Witwen, die meist älter waren als sie selbst, mit ihnen saß sie abends in der Werkstatt des Hutladens denn die war größer als der eigentliche Laden! Dort stand ein älteres großes Radio und über Kurzwelle hörten die Frauen Radio Vatikan und beteten, auch den Rosenkranz. Da bin ich als Kind öfter mal reingekommen oder reingeschneit aber wurde dann immer rausgeschmissen.

Die Werkstatt war unten im Flur nebenan vom Verkaufsraum der Brennerei, denn mein Opa Christian Wagner hatte ja die Brennrechte und hat Schnaps gebrannt, dort lagen die Schnapsflaschen. Kam man den Haupteingang vom Haus rein stand die Tür von der Modistenwerkstatt auf und da bin ich auch öfter reingegangen. Aber Tante Margret war nie besonders kinderfreundlich!

Ich bin gern zu meiner Oma gegangen, aber um Tante Margret hab‘ ich immer versucht einen großen Bogen zu machen.

Das Geschäft war ja relativ klein, aber es war immer offen, wenn sie gearbeitet hat. Die Werkstatt war viel größer, da hat sie drin gesessen und ihre Hüte gemacht. Auch sonntags war das Geschäft offen, die Leute sind oft nach der Kirche reingekommen und haben nach Hüten geschaut, wenn sie von der Kirche aus wieder heimgelaufen sind. Damals wurde für den Kirchgang auch noch Hut getragen!

Margareta hat mit im Haus gewohnt. Im obersten Stockwerk hatte sie ein Zimmer, hat dort gewohnt und mit im Haushalt gelebt.

Sie hatte wohl eher wenig Einnahmen als Modistin, aber weil sie bei den Eltern wohnte, eben auch keine großen Ausgaben. Meine Großmutter hatte durch den Weinbau und die Schnapsbrennerei immer genug Geld.

Ich denke Margareta wollte gerne reisen, aber damals in den 1950er Jahren gab’s das eben so noch nicht . Damals hat man noch keinen Urlaub gemacht, das wäre dann Faulenzen gewesen. Margareta machte deshalb Wallfahrten. Sie war immer bei der Therese von Konnersreuth in Bayern gewesen. Diese hatte Wunden, die geblutet haben, die Wundmale waren wie Jesus Christus. Zu ihr sind Leute hingefahren, weil sie als Wunderheilige verehrt wurde. Es wurde nie nachgewiesen, ob das wirkliche Wunden waren. Mit dieser Therese war Tante Margret „per du gewesen“, weil sie so oft hingefahren war. Auch in Rom war sie gewesen, sie war sehr bigott, es war ihre Art zu leben gewesen. Anna Heilweck, eine Cousine Margaretas, war Witwe und wollte auch etwas sehen von der Welt, die hat sogar eine Wallfahrt ins Heilige Land gemacht, ist damals mit dem Schiff runter nach Israel. Und deshalb hat Tante Margret auch immer sowas gemacht.“

Margareta Wagner ca. 1930 mit ihren Schwestern Franziska und Else (sitzend).

Eine Story muss ich erzählen: „ich hab mir als Kind den Arm gebrochen und lag im Krankenhaus in Edenkoben (wo heute das Altenheim ist). Im Sport in der Schule ist das passiert. Dann kam Tante Margret und hat mich besucht, was hat sie mir mitgebracht: eine Flasche selbst abgefülltes Lourdes-Wasser! Sie ist jedes Jahr mindestens einmal in Lourdes gewesen. Eine richtig große Korbflasche, vom Weinbaubetrieb meiner Großmutter hat sie mitgenommen und hat sie in Lourdes vollgefüllt. Daheim hat sie für mich dann ein Fläschchen abgefüllt. Das war ihr Geschenk, ‚das wäre das heilige Wasser, das sollte zu meiner Heilung beitragen‚ hat sie gesagt, ich könnte es trinken, ich könnte es aber auch einreiben, es würde bei der Heilung helfen.

Ihr kleines Hut-Geschäft kann ich noch genau beschreiben und nebenan den Modistenraum. Dar war ich oft drin gewesen als Kind. Während der Weinlese war das ganze Haus voll gewesen, viele Erntehelfer haben auch im Haus übernachtet. Auch ich war immer da und habe mitgeholfen und bin immer irgendwo mitgelaufen. Ich war öfter bei meinen Großeltern gewesen als meine Cousine aus Bergzabern.

Wir hatten ja eine Zeit lang in Maikammer gewohnt, ich bin in Maikammer geboren, eine Hausgeburt, unten im Stoffhaus Wagner (in der Marktstraße). Da hatte meine Mutter Anna Wagner in Maikammer bis 1953 ein Stoffgeschäft, das hat später ihr Bruder Johannes Wagner übernommen und hat es weitergeführt. Meine Mutter ist dann nach Edenkoben und hat dort von ihrem Onkel das große „Textilhaus Jean Thirolf“ in Edenkoben übernommen (die heutige Apotheke Luckenbach). Er war Textilkaufmann gewesen. Aus dem Grund wohnten wir später in Edenkoben. Aber ich bin dann noch oft für 10 Pfennig Kinderfahrkarte mit der „Schneck“ von Edenkoben rüber nach Maikammer gefahren zu meiner Oma, bis 1956 fuhr die Straßenbahn. Manchmal bin ich auch gelaufen.

Als Tante Margret gestorben war gab es ein Riesen Hin- und Her, denn die Bestattungsfirma musste die Überführung aus dem Ausland machen, was viel Geld gekostet hat. Danach irgendwann trafen sich die Schwestern in Margaretas Modistenstube und haben das Erbe aufgeteilt, aber das war Blödsinn, denn da war kein wirkliches Erbe. Auf jeden Fall sollte aber die Modistenstube ausgeräumt werden und deshalb wurden die ganzen Haarnadeln und kistenweise Material für Hüte zu fertigen aufgeteilt, ich weiß noch, dass meine Mutter noch was davon mitgenommen hat. Ich saß draußen mit meinem Onkel Fritz, der war der Mann von Tante Elisabeth , und wir haben uns amüsiert, wie drin die Sachen verteilt wurden.“ (Erinnerungen des Neffen C. Buchenberger im Telefonat 2020 mit Heike Scholhölter vom Club Sellemols)

Fotos: E. Gast, E. Buchenberger-Klodt, C. Buchenberger, R. Wingerter, T. Schäfer

(Wagner , OFB <6778>)