Geschichte des Stoffhaus Anna Wagner

Werbeanzeige 1951 vom Stoffhaus Wagner
Anna Elisabeth Wagner, geb.1911, in Maikammer Marktstraße 18 vor ihrem Stoffhaus, Anfang der 1930er Jahre

Sohn C. Buchenberger erinnert sich per Email im Feb. 2020:

„Meine Mutter Anna war intelligent und freiheitsliebend, konnte aber auch herrschsüchtig und schwierig sein. Sie war so gut in der Schule, dass der Lehrer mehrmals meinem Großvater vorschlug, sie auf die höhere Schule zu schicken. Mein Großvater lehnte es „für ein Mädchen“ ab. Meine Mutter litt ihr ganzes Leben darunter, zeitlebens versuchte sie sich fortzubilden, sie las sehr viel und interessierte sich für alles.

1930, Anna Wagner 19 Jahre alt, mit Jean (geb.1883) und Mathilde Thirolf (geb. Massa1884) im Garten in Edenkoben (heute Parkplatz zwischen Tanzstraße und Weinstraße). Die drei weiteren jungen Herren sind Neffen von der Massa-Seite, alle drei Studenten.

Nachdem meine Mutter die Volksschule abgeschlossen hatte, kam ihr Onkel (der Bruder ihrer Mutter) Jean Thirolf ins Spiel, er hatte ein Textilgeschäft in Edenkoben und war mit Mathilde, geb. Massa, verheiratet. Mathilde war die Tochter des Baumeisters Massa aus Maikammer – Namensgeber der Massastraße in Alsterweiler. Vor dem 1. Weltkrieg kaufte Jean in Edenkoben zwei Häuser in der Tanzstraße. Sein Schwiegervater baute die Häuser aufwändig um. Sie wurden verbunden und im Erdgeschoß entstand für die damalige Zeit ein sehr aufwendige Ladenfläche. Es ist im Prinzip die heutige Apotheke Luckenbach. Das Ehepaar Thirolf kam zu Wohlstand. Sie hatten zwischen den Weltkriegen sehr viel Personal und immer verschiedene repräsentative Automobile. Jean ging zur Jagd und hatte in Maikammer am Steinbruch an der Kalmitstraße ein Wochenendhaus. Dieses Haus verkauften übrigens die Erben 1952 an den Schauspieler Paul Dahlke („drei Männer im Schnee“). Außerdem fuhr das Ehepaar Thirolf öfter nach Baden-Baden zur Kur. Sie hatte aber keine Kinder. Sie nahmen meine Mutter als „Haustochter“ auf. Sie schlief nicht in dem „Gesinde-Trakt“ des Hauses, sondern in der Wohnung und machte eine kaufmännische Ausbildung. Sie kam mit ihrem Onkel gut zurecht, er förderte ihre Unabhängigkeit und ermöglichte ihr Fortbildungen im Textilbereich. Mit ihrer Tante hatte sie aber immer wieder Konflikte. Deshalb entschloss sie sich – mit Unterstützung ihres Onkels – den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Sie eröffnete Anfang der 30er Jahre (genaues Datum unbekannt) das „Stoffhaus Wagner“ in Maikammer. Ihre Eltern hielten sie für verrückt – blutjung und unverheiratet und dazu selbständig. Meine Mutter hatte nur den Laden gemietet und musste offiziell in der Hartmannstraße 30 schlafen (Befehl der Eltern zur Wahrung der Moral). Meine Mutter hatte aber den Nebenraum wohnlich eingerichtet und schlief dort auch öfters, was zu dauernden Konflikten mit ihrer Mutter führte. In diesem Nebenraum trafen sich abends oft die „emanzipierten“ Frauen von Maikammer. Sie unterhielten sich dort (Frauen konnten zu dieser Zeit ja nicht ohne männliche Begleitung in Gaststätten gehen) und rauchten. Meine Mutter war auch die einzige der Wagner-Schwestern, die immer rauchte, manchmal auch in der Öffentlichkeit, was wieder zu Konflikten mit ihrem Elternhaus führte.

Stoffgeschäft mit Blick ins Nebenzimmer

Noch eine interessante Geschichte: Meine Mutter war begeistert vom Fliegen. Sie las alle Bücher darüber und war Fan der Fliegerin Elly Beinhorn. Sie wollte unbedingt mal fliegen, ohne dass ihre Eltern und die Maikammerer das mitbekommen. Deshalb machte meine Mutter 1936 folgende Reise. Eine gute Freundin aus Edenkoben hatte nach Ost-Preußen geheiratet. Diese wollte sie besuchen und ihre Eltern akzeptierten das zähneknirschend (eine alleinstehende Frau ohne Begleitung quer durch Deutschland). Meine Mutter fuhr aber nicht die ganze Strecke mit der Bahn. Sie flog von Mannheim Neuostheim nach Leipzig mit der Lufthansa in der berühmten „Tante Ju“, die restliche Strecke fuhr sie mit der Bahn. Ihr ganzes Leben lang schwärmte sie über diesen Flug, sie wäre gerne Pilotin geworden.

Anna Wagner vor dem Stoffgeschäft Ender der 1930er Jahre

Das Foto mit dem Stoffhaus Wagner mit geschlossene Rollläden, zeigt meine Mutter einige Jahre später. In den letzten Kriegsjahren musste sie ihr Geschäft schließen – polizeiliche Anordnung, eine offizielle Begründung gab es nicht, meine Mutter vermutete Intrigen. Nach der Heirat mit meinem Vater Rudolf Buchenberger hatten beide auch die Wohnung über dem Geschäft gemietet. 1947 kam ich dort zur Welt, Geburtshelfer war „Onkel Gerhard“ (Dr. Gerhard Allmaras x1909 ), der Nach-Cousin meines Vaters). 1951 drängte Jean Thirolf darauf, dass meine Eltern das Textilgeschäft in Edenkoben übernehmen sollten, er wollte in den Ruhestand gehen. Meine Eltern waren oft zu Besprechungen in Edenkoben, ich habe sogar Erinnerungen an Details daran, obwohl ich erst 4 Jahre alt war. Dann kam das große Unglück: Tante Mathilde starb im Dezember 1951 plötzlich und eine Woche später Jean. Nichts war geregelt, ein Testament war verschwunden usw. Meine Mutter wollte aber unbedingt das Geschäft übernehmen. Das ging aber nur über ihre Mutter, sie war ja die Erbin (die Hälfte ging an Thirolf, die andere Hälfte an Massa). Meine Oma machte dann einen „Deal“: Sie stimmte allem zu, dafür musste aber meine Mutter das Stoffgeschäft in der Marktstraße ihrem Bruder Hannes übergeben. Meine Oma bzw. Onkel August vermittelten das alles und deshalb war ab 1952 Hannes Wagner der Inhaber des „Stoffhauses Wagner“ in Maikammer.“

Bilder und Text wurden 02/2020 zur Verfügung gestellt von:

C. Buchenberger, Speyer, (Sohn von Anna Wagner); Werbeanzeige: Traudel Schäfer, Maikammer; Fotos aus dem Jahr 2020: Heike Scholhölter, Maikammer

(Anna Wagner, OFB : <6778>)

  • Anna Wagner 1930 als Kämpferin zu Fasching
  • 1930: Anna Wagner rauchend bei einer Pause während der Weinlese
  • 1935: Anna Wagner (links) auf einem Holzstapel im Wald mit zwei Freundinnen. Rechts Anneliese Zipfle, geborene Schnur „Schnurre Lissel“, Frau in der Mitte unbekannt
  • Marktstraße 18 im Jahr 2020
  • Marktstraße 18 im Jahr 2020