Marktstraße 73
Kriegsende und die Zeit danach. Zeitzeugenbericht von Inge Ullrich, Jahrgang 1941.

Haus Nr. 73 (mit gelbem Pfeil markiert), es wurde laut OFB 1937 erbaut.
„Am 22. 3. 1945 marschierten die US-Amerikaner in Maikammer ein. Eine Gruppe kam über die Kalmit, die andere aus Richtung Neustadt die ehemalige Bundesstraße 38 entlang. Sie bogen in die Marktstraße ein und sahen das Haus Nr. 73 (mein heutiges Wohnhaus) und beschlossen sofort, dieses schöne Anwesen zu ihrem Hautquartier zu machen. Meine Schwiegermutter, Rösel Ullrich, musste innerhalb von 2 Stunden mit ihren beiden Kindern das Haus verlassen. Ihr Vater, Eugen Weis, kam mit dem Pferdewagen und holte die 3 zusammen mit den notwendigsten Sachen ab. Von da an wohnten sie bei den Eltern meiner Schwiegermutter in der Hartmannstraße.


Nach 3 Monaten verließen die Amerikaner Maikammer und es bestand die Aussicht, wieder in ihr Haus in der Marktstraße zurückkehren zu können. Doch die Freude war nur sehr kurz, denn am 10. Juli kamen die Franzosen, nachdem unser Gebiet der französischen Zone zugewiesen worden war, und deren Kommandant suchte sich gleich wieder unser Haus als sein Domizil aus. Also musste meine Schwiegermutter mit ihren beiden Kindern wieder zurück zu ihren Elten. Erst im Jahr 1950 konnten sie wieder in ihr Haus zurückkehren.


Ich lebte als Kind damals in meinem Elternhaus, dem „Lindenschlössel“ (Weinstraße Nord 42) und auch dieses Anwesen war für die Amerikaner und später auch für die Franzosen ein begehrtes Objekt, von den Amerikanern war es als Lazarett eingerichtet. Im Hof stand eine Feldküche und etliche Soldaten lebten mit unserer Familie unter einem Dach. Wir mussten Gott sei Dank unser Haus nie verlassen.
Der französische Kommandant, der in der Marktstraße 73 mit seiner Familie wohnte, richtete dann seinen Amtssitz und die Verwaltung bei uns ein. Unser Haus war deshalb immer von zwei Soldaten bewacht. So konnten wir uns ziemlich sicher fühlen. Wir hatten zu dem Offizier ein gutes Verhältnis, denn meine Oma sprach perfekt Französisch. So war die Verständigung gut.
Wir erfuhren dann, dass bei den Franzosen ein Geburtstag anstand. Ich war damals ein 5-jähriges Mädchen und meine Oma hatte die Idee, dem hohen Herm zu gratulieren. Ich wurde mit einem Rotkäppchen-Kostüm bekleidet und hatte einen Korb mit einem Kuchen und einer Flasche Wein in der Hand. So ging ich zu ihm ins Büro und gratulierte mit den französischen Worten: „Je vous souhaite une bien bonne fete, monsieur“ zum Geburtstag. Er freute sich riesig und für mich war dies ein einmaliges Erlebnis.
Wie das Leben so spielt: Ich ahnte damals noch nicht, dass ich später in dem Haus in der Marktstraße 73 leben würde, was für ein glücklicher Zufall!“
Im Februar 2025 aufgeschrieben von Club Sellemols Mitglied Inge Ullrich geb. Ziegler, Jahrgang 1941, Tochter von R. Ziegler u. B. Zilliken <7355>.
(OFB: Eugen Weis <6877>; Anna Josephina Ziegler <7329>; Rosalie Weis <6877>; Franz Erich Ullrich <6613>; )
Fotos: Club Sellemols. Text- und Fotozusammenstellung: Heike Scholhölter.
