Katharina Schädler – Älteste Bürgerin Maikammers

„Wer Katharina Schädler aus Maikammer nach dem Rezept fragen würde, wie man 96 erfüllte Jahre alt werde, erhielte als Antwort: arbeiten und wach bleiben. „Ich muß, ich will und ich kann“ – danach hat die älteste Bürgerin Maikammers stets gelebt – weil sie es mußte. Denn geschenkt wurde der bis heute Rührigen nichts. Gearbeitet hat sie ihr Leben lang, und hellwach nimmt sie an allem Geschehen, vor allem in der Kirchengemeinde, teil. Daheim im Elternhaus saßen zwölf Geschwister um den Tisch; Katharina war das älteste Mädchen. Nur eine 83jahrige Schwester lebt noch. Mit 21 Jahren hat sie geheiratet; aber lang währte das Eheglück nicht, denn bereits bei den ersten Kampfhandlungen in Frankreich ist ihr Mann gefallen, noch ehe der Sohn, das zweite Kind, geboren wurde. Für die junge Witwe kamen schwere Jahre, als sie mit wenig Mitteln ihre beiden Kinder großziehen mußte. Sie nahm jede Arbeit an, die sich bot. Vor allem pflegte sie die Wöchnerinnen im Ort. Und da faßte sie den Entschluß, Hebamme zu werden. Sie ging nach München an die Hebammenschule der Universitätsklinik, lernte in einem halbjährigen Kurs, wie man kleinen Erdenbürgern ans Licht der Welt hilft und ließ sich in Maikammer nieder. Das klingt sehr einfach, war es indes keineswegs. Denn hier praktizierten bereits zwei „weise Frauen“, die natürlich die neue Konkurrenz keineswegs mit Freuden begrüßten. So kam Katharina Schädler nur sehr langsam ins Geschäft; anfangs hatte sie in einem Jahr nur vier Geburten zu vermelden. Pro Geburt erhielt sie 28 Mark; darin war eine 14tägige Hauspflege enthalten. Und keineswegs zeigten sich die Maikammerer zu dieser Zeit besonders geburtenfreudig. Doch allmählich faßte sie Fuß, und als sie sich im Jahre 1956 zur Ruhe setzte, hatte sie rund 2000 Kinder zum ersten Schrei in dieser Welt gebracht. Sie erinnert sich noch gut an das erste Baby; es war ein Junge. Katharina Schädler hat ihn überlebt. Sie kennt die nun groß Gewordenen längst nicht mehr alle; viele sind schon gestorben. Aber eine ehemalige Wöchnerin bringt ihr jedes Jahr am Geburtstag des Kindes einen Blumenstrauß und bedankt sich so treu über die vielen Jahre hinweg dafür, daß die Hebamme dem Kind, wie der Arzt betonte, das Leben bei der schwierigen Geburt gerettet habe. Das freut Katharina Schädler natürlich von Herzen.
„Strample hab ich mei Lebtag misse,“ sagt die betagte Frau und denkt an die mühevollen Jahre. Jeden Abend habe sie peinlich genau Buch geführt über jeden Pfennig, den sie am Tag ausgegeben habe, lacht sie leise. Rechnen mußte sie mit dem Pfennig, und sie konnte es auch: 1924 hat sie sich mit Vaters Hilfe ein Haus gebaut, in dem sie heute noch lebt. Sie hat das Schulgeld für Sohn und Tochter aufgebracht, beide sind „etwas Ordentliches“ geworden: Die Tochter ist Ordensschwester mit der Ausbildung als Erzieherin; der Sohn wurde Architekt.„Man war nicht anspruchsvoll“, sagt Katharina Schädler. Urlaub? Sie lacht. Bis heute hat sie keinen gemacht. Sie habe eine schöne Jugend gehabt, sinnt sie. Das Schönste in ihrem Leben sei ihre Kindheit gewesen. Sie erinnert sich daran, wie sie dem Vater und den Brüdern das Essen auf

die Kalmit hinaufgetragen hat, wo sie den Turm neu aufbauten. Aber sie trug es nicht in Taschen oder Körben mit den Händen, sondern auf dem Kopf mit allem Geschirr, das notwendig war. Ach ja, das waren Zeiten, als die Oberlandbahn von Neustadt nach Landau über Maikammer fuhr, als das Hartmannsdenkmal um die Jahrhundertwende eingeweiht wurde, als der Prinzregent Luitpold durch den Ort kutschiert wurde und als das erste Auto durch Maikammer fuhr. Welche Sensation war das damals im Jahre 1912! Alle bestaunten dieses Wunderwerk: „Da kommt ein Wagen ohne Gaul“, wunderten sich die Leute; manche waren fassungslos. Und erst, als der erste Zeppelin durch die Lüfte zog! Der lockte die Leute sogar aus dem Gottesdienst; der Pfarrer brachte es nicht fertig, sie in der Kirche zu halten.
„Früher hat man viel ruhiger gelebt“, sagt Katharina Schädler. „Obwohl man viel schaffen mußte, gab es keine solche Hetze wie heute.‘ Schöne Stunden in ihrem Leben? Ach, so richtig schön war eigentlich wenig. Das Schönste ist, wenn sie mit den Kindern, mit der Familie zusammen ist. „Bei uns werden alle Familienfeste zu Hause groß gefeiert“, immer bei Muttern. Was sie wohl anders machen würde, wenn sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnte? Nichts eigentlich; es würde alles wieder laufen, wie es läuft. „Es kommt, wie es kommen soll.“ Vielleicht wäre ihr Leben anders verlaufen, nein, gewiß sogar, wenn sich ihr Wunsch erfüllt hätte und sie Lehrerin geworden wäre. Sie erzählt es gern, daß sie eine gute Schülerin war. „Das Mädche muscht unbedingt schtudiere lassen“, hat damals nach der Prüfung in der siebten/achten Klasse der Volksschule der Bürgermeister zu ihrem Vater gesagt. Er ist bei dieser Prüfung, die der Schulentlassung vorangegangen war, nicht von ihrer Bank gewichen. „Ich hab‘ immer gern ,Schules‘ gemacht, ich hab‘ sogar eine Schulschwester vertreten müssen“, freut sie sich heute noch. Heute? Nun, heute ist alles ruhiger geworden. Sie versorgt sich selbst; für die Hausarbeit braucht sie niemanden.
„Richtig“ krank war sie eh noch nicht, außer einer Augenoperation vor einigen Jahren. Nur die Füße wollen heute nicht mehr so recht. Dennoch läuft sie durchs Dorf und macht ihre Besorgungen. Stolz zeigt Katharina Schädler die vielen Handarbeiten, die sie für die Kinder in den Missionen macht. Zeitunglesen, Nachrichten hören, das gehört zum Tagesablauf, der etwas ruhiger, aber keineswegs unausgefüllt ist. Vor allem besucht sie jede Veranstaltung des Frauenbundes. Sie macht Fahrten mit und ist immer dabei, wenn von der Kirche aus „etwas los ist“. Und das will sie noch lange so halten.“ (U. BIFFAR)
Quelle: Zeitungsartikel der Rheinpfalz, aus dem Jahr 1987.


Ortsfamilienbuch:
<5386> Katharina Schädler, geb. Volkert <6726> wurde am 2.Mai 1891 als 3. Kind geboren von Rochus Volkert (Maurermeister u. Bauunternehmer) aus Maikammer und Anna Maria Treber aus Lachen-Speyerdorf. Sie wohnten in der Friedhofstr. 72, ab 1901 in der Neugasse 12. Katharina hatte 10 Geschwister: 6 Brüder und 4 Schwestern. Ein Bruder von ihr verstarb ein Jahr vor ihrer Geburt im Alter von 6 Monaten. Alle anderen Geschwister erlebten das Erwachsenenalter. Ihr ältester Bruder Andreas Volkert war Bauleiter. Ihr jüngster Bruder Rochus war ebenfalls Maurer wie sein Vater.
Katharina heiratet 1912 mit 21 Jahren den 23jährigen Franz Jakob Schädler aus Maikammer. 1914 im Februar wurde Tochter Maria Klara geboren, ein halbes Jahr später begann am 1.8.1914 der 1. Weltkrieg. Katharinas Ehemann zog als Soldat in den Krieg und wurde ab 25.8.1914 als vermisst gemeldet und 3 Jahre später durch das Amtsgericht Neustadt für tot erklärt. Begraben ist er auf dem deutschen Soldatenfriedhof Gerbeviller in Frankreich. Bei Ausbruch des Krieges war Katharina mit ihrem 2. Kind schwanger, ihr Sohn Jakob Josef Schädler wurde im März 1915 geboren.
Das Haus, dass sich Katharina mithilfe ihres Vaters (und vielleicht auch ihres Bruders Rochus, dem Mauer?) in Maikammer baute ist die Nr. 47 in der St. Martiner Straße. Im Ortsfamilienbuch steht als Baujahr allerdings 1933 ?!)
Katharinas Sohn, der Architekt Jakob Josef Schädler wurde 73 Jahre alt und starb 1988 in Neustadt, zu dem Zeitpunkt war seine Mutter noch am Leben und 97 Jahre alt.
Katharinas Tochter, die Ordensfrau Maria Klara Schädler starb mit 95 Jahren 2009 in Bad Saulgau.
Katharina Schädler starb schließlich am 25. Februar 1990 mit 98 Jahren !

