Geschichten aus der Emaillierfabrik Kirrweiler
Wie Fabrikant Hermann Orth (1900-1966) Teil unserer Familiengeschichte wurde
Von Markus Hener, Juni 2026

„Hermann Orth war gemeinsam mit seinem älteren Bruder Karl Eigentümer des Emaillierwerks in Kirrweiler. Ihr Vater Georg, aus Edesheim stammend, hatte das Emaillierwerk in Edenkoben (heute Firma Gillet) begründet und die Brüder hatten die Fabrik in Kirrweiler um 1932 aus der Insolvenzmasse der „Emaillier- und Stanzwerke vormals Gebrüder Ullrich“ erworben.
Hermann Orth war gelernter Kaufmann, sein älterer Bruder Karl war der eigentliche „Fabrikant“ und beide vom Charakter und ihren Geschäftsansichten recht unterschiedlich. Karl Orth galt unter den Arbeitern als streng und eher schwierig, während Hermann durch seine fröhliche und zuvorkommende Art und seiner Eigenschaft, selten einem Menschen etwas ausschlagen zu können, recht beliebt war. Sicher spielte auch das in die Karten, als Hermann Orth nach dem Krieg auf der Schafweide in Kirrweiler, hinter dem Güterbahnhof eine Verzinkerei errichtete, Karl Orth sich aber weiterhin auf das Emaillierwerk im Bordmühlweg konzentrierte.
Die Büroräume waren alle im Bordmühlweg untergebracht, in einem Gebäude hinter den Fabrikwerkstätten, das heute noch steht (hinter dem Fabrikschornstein). Dort waren auch später einfache Wohnräumlichkeiten eingerichtet.
Hermann war verheiratet, geschieden und hatte meines Wissens einen Sohn und eine Tochter (Winfried und Lilly), sowie einen Enkel Namens Roland. Über den Verbleib der Familie ist leider nichts bekannt.
In den Dreißigerjahren begann unsere Götel, Anna Biller mit ihrer Schwester Rösel Hener (meiner Großmutter) im Werk zu arbeiten.
Vielleicht ist es einer durchaus sympathischen Begegnung zu danken, dass Anna Biller und Hermann Orth schon bald eine gute Freundschaft verband. Ursprünglich als „einfache“ Arbeiterin eingestellt, erhielt sie immer wieder neue Aufgaben. Sie war „Mädchen für alles“, tippte im „Einfingersuchsystem“ auf der Schreibmaschine Briefe und hielt Hermann Orths Räumlichkeiten instand, nachdem er nach seiner Scheidung immer öfter nur noch in der Fabrik weilte.
Foto: Anna Biller (vorne im Overall) und ihre Schwester Rösel Hener, Frühjahr 1941 an der Fabrik.


Anna Biller kochte für die engere Belegschaft und bewirtschaftete am Werk einen fabrikeigenen Garten, dessen Erträge dazu dienten, die von ihr in der Fabrik betriebene Küche mit Gemüse und Obst zu versorgen. Nicht zuletzt bereitete sie das Heißwasserbad für das Erwärmen der unzähligen Essensträger der Arbeiter im Werk vor.
Foto: Anna Biller mit Dackel „Burschel“ am Kücheneingang der Fabrik in Kirrweiler.


Als Hermann Orth, der nicht auf der braunen Parteilinie mitschwang, während des Krieges seinen Einberufungsbefehl erhielt, sorgte Anna Biller mit ihren Beziehungen dafür, dass er „u.k.“, also „unabkömmlich“ gestellt wurde und nicht an die Front musste. Er behauptete zeitlebens, dass ihm Anna damit gewissermaßen das Leben gerettet habe.
Vielleicht war es diesem Dank verpflichtet, dass er ihr, als sie 1950 auf den Dieterwiesen bauen wollte, mit einem zinslosen Arbeitgeberdarlehen entgegenkam.
In der schlechten Zeit, als auch in der Fabrik Kohlen rationiert waren, bot er den Arbeitern an, Kohlen in den Rucksack zu packen, wenn sie Feierabend hatten. Es waren große Kohlenstücke für die Brennöfen, ähnlich der Kohle, die man für Dampfloks nutzte und die Kohle musste für den Hausgebrauch im Küchenherd „middem Äxtel“ zerkleinert werden. Meine Oma erinnerte sich an seine Aussage: „Fraa Hener, packen se sich wie die annere owends Kohle in de Rucksack! Nur derf`s mein Bruder net inne werre!“
Nach dem Krieg ging es mit dem Emaillierwerk und der Verzinkerei steil bergauf. Blechwaren aller Art wurden überall benötigt, die Brüder Orth produzierten günstig und das Wirtschaftswunder kam mit großen Schritten. Die Fabrik zog Arbeiter aus den gesamten Nachbardörfern an, denn Orths galten als gut und gerecht bezahlende Arbeitgeber.
Oft begleitete Anna Biller Herrn Orth in seinem Borgward-Isabella auf Geschäftsreisen bis an den Niederrhein.
Einer der ersten Schüleraustausche mit Frankreich, an dem mein Vater Heinz Hener in den Fünfzigerjahren die große Ehre hatte teilzunehmen, führte beide gar bis nach Frankreich wo sie meinen Vater in Verdun-sur-Garonne abholten und ein paar Tage Urlaub machten und sogar das Mittelmeer sahen. In Lyon wurde dem Auto mit dem deutschen Kennzeichen die Windschutzscheibe eingeschlagen. Dennoch war der Urlaub in Frankreich etwas Außergewöhnliches und das herzliche Willkommen in der Gastfamilie ein großer Schritt zur Völkerverständigung.

Eine nette Anekdote wusste mein Vater zu berichten: Hermann Orth war nicht nur leidenschaftlicher Raucher, sondern liebte Walnüsse über alles. Im Spätjahr orderte er Säckeweise Nüsse und ließ sie auf dem Boden in einem Zimmer neben dem Büro halbmeterhoch aufschütten. Nie verließ er das Haus, ohne nicht mindestens drei Nüsse in seiner Tasche zu tragen, die er bei Lust und Laune zwischen den Händen oder mit dem Taschenmesser knackte und leidenschaftlich verspeiste. Selbst auf Geschäftsreisen durften die Nüsse nicht fehlen.
In den späten Fünfzigern, Anfang der Sechziger Jahre ging es allerdings mit dem Emaillierwerk und der Verzinkerei bergab, da durch das aufkommende Plastikgeschirr der sogenannte „Kaltgeschirrmarkt“ wegbrach. Zu unserer Götel Anna Biller sagte er einmal: „ Fraa Biller, ich hebb kää Glick im Gschäft! Dehd ich Hüt verkaafe, deed käner mäh ähner uffzieche!“ (Sie blieben zeitlebens immer beim förmlichen „Sie“!)
Die allgemeine Marktentwicklung und sicher auch die veraltete Technik in der Fabrik, führten schließlich zur Insolvenz: zuerst die der Verzinkerei, dann der des Emaillierwerks.
Hermann Orth, der in der Fabrik wohnte, verlor seine Wohnstatt. Kurzerhand nahm ihn Anna Biller bei sich im Haus in den Dieterwiesen auf und richtete ihm mit seinen verbliebenen Möbeln ein Zimmer her und verbriefte ihm notariell ein Nutzungsrecht.
Dann wurde er schwer krank, war mehrere Male im Krankenhaus in Edenkoben und verlor ein Bein. Anna pflegte ihn aufopferungsvoll. Anna Billers Mann Heinrich und mein Opa Fritz trugen ihn oft zusammen die Treppe hinunter, damit er im Hof und Garten im Rollstuhl sitzen konnte.
1966 starb Hermann Orth und wurde auf dem Friedhof in Maikammer bestattet. Sein Grab wurde bis zur Aufhebung 1996 von unserer Familie liebevoll gepflegt und die Erinnerung an ihn lebhaft und voller Dankbarkeit aufrechterhalten.“
Sollten Sie Erinnerungen an das Emaillierwerk, vielleicht auch an die Gebrüder Orth haben oder gar Fotos besitzen, würden wir uns freuen, wenn Sie Kontakt zu unserem Mitglied Markus Hener, Tel.: 06321-952035 aufnehmen würden. Gerne auch per Mail an info@clubsellemols.de
OFB:
Anna Biller geb. Rhein <5002> und <464>, geb. 1901, gest. 1985.
Maria Rosa „Rösel“ Hener geb. Rhein <5002> und <2487> , geb. 1916, gest. 1996.
Fotos: Club Sellemols.
