Club Sellemols (Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler)

(Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler) gegründet 2014

Club Sellemols (Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler)

Vom Wandel der Zeit

von Markus Hener

Etwa ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert beginnt der Weinbau an der Haardt die Berghänge zu erobern.

Dies war zum einen der Tatsache geschuldet, dass man mit Wein gutes Geld verdienen konnte und man natürlich bestrebt war, die Anbauflächen auszudehnen. Zum anderen war es so, dass die Weinberge in den Flachlagen oft erfroren. Auch benötigte man in den Flachlagen Äcker, auf denen Frucht (in der Pfalz vorzugsweise Korn (Roggen) oder Spelz (Dinkel)), aber auch Hackfrüchte wie Kartoffeln und Rüben usw. angebaut wurden, da die Weingüter und Kleinwinzer (das waren die meisten) Gemischtbetriebe mit Viehhaltung waren. „Wo ein Pflug kann gehen, soll kein Weinstock stehen!“ war die Devise! Dennoch wurden in vielen Wingerten auch Kartoffeln, Rüben oder Kraut angebaut. Johann Philipp Bronner bemängelt diese Vorgehensweise schon in seiner 1833 erschienenen Schrift „Vom Weinbau am Haardtgebirge“. Besonders in neu angelegten Wingerten sei diese Unsitte verbreitet und raube den neu gesetzten Reben jegliche Kraft, die diese zum Gedeihen bräuchten.

Die durch Napoleon und den Code Civil eingeführte Realteilung ab 1804 tat ihr Übriges hinzu: die vorhandenen Flächen wurden durch Vererbung immer kleiner, da das Erbe zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde. Man war also gezwungen, die Anbauflächen auszudehnen.

So begann man nach und nach die Waldungen am Haardtrand zu roden.

Das Anlegen der Querterrassen muss für die damalige Zeit eine furchtbare Schinderei gewesen sein, musste doch alles in reiner Handarbeit verrichtet werden. Bis Baumstümpfe, Wurzelwerk und Gesteinsbrocken entfernt waren und die Bruchsteinmaurer die ersten Trockenmauern setzen konnten, verging viel Zeit.

Parzelle für Parzelle wurde so kultiviert. Und dies war nicht nur in Maikammer-Alsterweiler so, sondern zog sich an der ganzen Haardt entlang.

Es dauerte etwa 100 Jahre, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, bis die Terrassen und Hanglagen zur größten Ausdehnung gelangten.

Alsterweiler Tälchen mit Kalmit. Ausschnitt aus einer Postkarte, Datum unbekannt.
Gut zu erkennen die vielen Terassenanlagen am Wetterkreuz-Berg, sowie den Steinbruch oberhalb.

17.Oktober 1928, Weinlese. Im Hintergrund die Terassenanlagen am Wetterkreuz-Berg.

Man hatte die aus dem Haardtgebirge ziehenden Täler tief eingeschnitten und besonders an Südhängen versucht, Gelände für den Weinbau nutzbar zu machen.

Dies hatte nicht nur mit den oben erwähnten Umständen zu tun, sondern es lag mitunter in dem Zusammenhang mit den aus Amerika eingeschleppten neuen und bisher unbekannten Pflanzenkrankheiten: dem Oidium (Echter Mehltau) und der Peronospora (Falscher Mehltau), aber auch die Reblaus trug ihren Teil zu dieser Entwicklung bei. Die in Europa seit Jahrhunderten bekannten Schädlinge wie der Traubenwickler und der zur damaligen Zeit massiv auftretende Rebstichler leisteten ihr Übriges.

Als um 1865 das erste Mal der Echte Mehltau (Oidium) in der Pfalz auftrat, fand man recht schnell Abhilfe in der Behandlung der Weinberge mit Schwefel. Auch gegen die Peronospora (Falscher Mehltau, auch „Blattfallkrankheit“ genannt), der man erst hilflos gegenüberstand und die zum Teil zu Totalausfällen bei der Ernte sorgte, fand man in der „Bordelaiser Brühe“ ein wirksames Hilfsmittel. Übrigens, wie bei so vielem war auch der Einsatz dieser Kupfer-Kalkbrühe eine zufällige „Erfindung“: In Frankreich hatte man Weinberge, die direkt an der Straße lagen mit blauem Kupfervitriol eingepinselt, um Traubendiebe abzuschrecken. Man beobachtete, dass die so behandelten Trauben nicht von der Peronospora befallen wurden, während in anderen Weinbergen alles dahinsiechte….

Schließlich, als die Reblaus in Deutschland ganze Landstriche mit Weinbergen zerstörte, fanden findige Forscher heraus, dass die europäische Rebe nur dann eine Überlebenschance hatte, wenn man sie auf die Unterlage einer „Amerikanerrebe“ pfropfte. Die erste biotechnische Bekämpfung eines Rebschädlings war mit der Pfropfrebe geboren.

Doch nicht nur neue „Feinde“ machten den Winzern im 19. Jahrhundert das Leben schwer, sondern auch alteingesessene Schädlinge wie der Traubenwickler, der für die Generationen des Heu- und Sauerwurmes verantwortlich ist und zuletzt auch der Rebstichler sorgten mitunter zu Totalausfällen bei der Ernte.

Mit Leimfächern bewaffnet zogen im Frühjahr und Sommer die Schulkinder in die Wingerte, um die Schädlinge einzufangen. Man rieb die Stöcke mit „Abreibseseln“ ab um den Puppen des Traubenwicklers habhaft zu werden, sammelte die Rebstichler und die von ihm aus den Rebenblättern zur Eiablage gedrehten „Zigarren“ ab und verbrannte sie, was alles keinen durchschlagenden Erfolg zeigte.

Es kam sogar Ende des 19. Jahrhunderts zu einem „Abreibekrieg“ zwischen St. Martin und Maikammer-Alsterweiler, denn die „Mademer Krabbe“ weigerten sich, die Stöcke abzureiben, die „Hecker und Mucker“ waren aber linientreu und so kam es zu wilden und blutigen Auseinandersetzungen am Stotz. Sogar die Obrigkeit musste einschreiten ob der gewalttätigen Ausschreitungen. Ergebnis war eine hoheitliche Anordnung: Die St. Martiner mussten alle Weinberge an der Gemarkungsgrenze zu Maikammer-Alsterweiler „abreiben“, der Rest blieb ihnen überlassen.

Indessen hatte das „Abreiben“ keinen signifikanten Erfolg und schädigte zuletzt die Rebstöcke.

Letzten Endes ist die weite Ausdehnung der Weinberganlagen bis tief in die Täler der Haardt auch diesen schlimmen „Wurmjahren“ am Ende des 19. Jahrhunderts geschuldet. Man hatte versucht mit extensiver Bewirtschaftung die Verluste bei der Ernte auszugleichen.

Ab etwa 1905 fand man im Nikotin endlich einen einigermaßen zuverlässigen Helfer im Kampf gegen die Larven des Traubenwicklers. Allerdings reiften die Trauben nach Nikotinapplikation schlechter.

Ab 1907 wurden im deutschen Weinbau zunehmend Arsenpräparate gegen den Heu- und Sauerwurm eingesetzt, mit durchschlagendem Erfolg.

Es ist nicht nur die Zeit der Zunahme der Ernteerträge, sondern auch die Zeit der Zunahme der Krebserkrankungen und chronischen Arsenvergiftungen unter Winzern und Tagelöhnern. 1942 wird daher Arsen als Spritzmittel zurecht verboten.

Man bringt die Chemikalien als „Spritzbrühe“ in Massen aus, zuerst mit Handbesen und Bürsten, dann kommen die ersten Rückenspritzen, in St. Martin erfindet Bonifatius Franz den Rückenschwefler „Zyklon“.

Beim Spritzen. Quelle: Digitales Archiv Heimatmuseum St. Martin

Pflanzenschutz mittels Rückenspritze unterhalb des Klosters Heilsbruck. Quelle: Digitales Archiv Heimatmuseum St. Martin.

Ausstriebsspritzung mittels Batteriespritzen. Die Spritzen wurden mittels eines Benzinmotors gefüllt und boten, trotz ihres massiven Gewichts einen gewissen Komfort bei der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln.
Zitat Johannes Damm, Ortschronik Maikammer-Alsterweiler, 1984: „ Nach dem ersten Weltkrieg kamen die Batteriespritzen auf. Zuerst mussten mit einer auf dem Wagen montierten Pumpe 3 Atü Luft gepumpt werden, dann wurde die Spritzbrühe eingefüllt und durch den vorhandenen Luftdruck durch die Düse gedrückt. Man brauchte so nicht mehr im Wingert mit der Hand zu pumpen.“ Quelle: Digitales Archiv Heimatmuseum St. Martin.
Austriebsspritzung mittels Batteriespritzen. Quelle: Digitales Archiv Heimatmuseum St. Martin.

Prüfung der Batteriespritzen 1929. Nachdem es aufgrund undichter Batteriespritzen, die zum Explodieren neigten sogar zu Todesfällen gekommen war, wurde eine amtliche Überprüfung der Batteriespritzen eingeführt. Am 24. Juli 1929 explodierte eine Spritze, was dem 40-jährigen Conrad Cuidon aus der Neugasse das Leben kostete. Danach wurde die amtliche Überprüfung eingeführt, die einmal jährlich stattfand.

Der Anstieg der Ernteerträge förderte aber auf der anderen Seite wiederum einen Rückgang der oben beschriebenen Terrassen, die tief in den Tälern lagen. Sie waren einfach unrentabel, waren schwierig zu unterhalten und lieferten fast keine Erträge. Der Wald holte sich nach und nach die unwirtschaftlichsten Wingertsanlagen und damit den mühsam abgerungenen Boden wieder zurück.

Dennoch waren viele der Terrassen, besonders die gegen die Rheinebene zu, nach wie vor begehrte Anbauflächen. Sie waren mehr von der Sonne beschienen, die Reben erfroren in kalten Wintern nicht so schnell und die Lagen ergaben gute und zum Teil auch sehr gute Weine.

In Alsterweiler baute man sogar im frühen 19. Jahrhundert am Hang in Pergolen Gutedel an, eine Ausnahmeerscheinung an der Haardt.

Zudem gab es viele arbeitswillige und auch billige Arbeitskräfte. Kaum ein Bewohner der Haardt war nicht irgendwie im Weinbau mit beschäftigt: sei es bei der Weinlese, dem Kammerten, dem Hacken der Wingerte oder den vielen anderen Arbeiten. Viele verdienten sich hier ein Zubrot.

Nur durch die vielen Tagelöhner, die für wenig Geld und einen Krug Mops (das war der Haustrunk) in den Wingert zogen, um dort die schwere Arbeit zu erledigen, war ein rentabler Anbau überhaupt möglich.

Maschinen im Weinbau kannte man keine. In der Ebene kam mit der Umstellung des geschlossenen Kammertbaus mit Holz zur offenen Drahtanlagen höchstens noch das eine oder andere Pferd oder eine Kuh oder der Ochse mit dem Pflug in den Wingert. Ansonsten war alles reine Handarbeit.

Dies änderte sich, als nach dem Ersten Weltkrieg viele Männer fehlten und erreichte Ende des Zweiten Weltkrieges durch den allgemeinen Arbeitermangel seinen Höhepunkt.

Begrünte Wingerte wie heute kannte man übrigens nicht. Der Boden wurde mit allen Mitteln offengehalten. Vom Frühjahr bis kurz vor dem Herbst herrschten Karst, Krappen und Hacke im Wingert. Vor dem Winter wurden die Reben mit Erde „beigeschlagen“ und mit Spaten und Schaufel Mistgräben zum Düngen gezogen.

Beischlagen von Wingerten nach dem Herbst mittels Pflug in der Nähe der Weisbrodsmühle.

Gras hatte höchstens in der „Furche“, der Fläche zwischen zwei „Schemeln“ Wingert Platz und diente da als Viehfutter, das mit der Sichel abgegrast wurde und von den Frauen auf dem Kopf im Grastuch nach Hause geschleppt werden musste.

Man kann sagen, dass die Arbeitsabläufe im Wingert fast bis in die Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die gleichen blieben. Nach dem Krieg kamen die ersten Einachsschlepper wie Agria, Irus oder Holder auf. Es begann schleichend nun endlich eine Mechanisierung im Weinbau, die nach und nach die fehlenden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft zu ersetzen wusste.

Spätestens Mitte/Ende der Sechziger Jahren verschwindet das Vieh aus den Stallungen. Die Gemischtbetriebe mausern sich zu reinen Weinbaubetrieben, ehemalige Wiesen und Ackerflächen werden umgebrochen und zu Weinland. Bis zum neuen Weingesetz 1972 werden hektarweise Ackerland in vormals schlechten Lagen in Weinberge umgewandelt.

Neue Technik, wirksamere und auch hochgiftige Spritzmittel erobern gerade in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg die Wingerte. Die Zeilen werden breiter, die Erträge werden immer höher, mit Wein ist viel Geld zu verdienen und manche Winzer erwirtschaften auf ihren Flächen Massenerträge.

In den Neunzehnhundertfünfziger Jahren kostet eine Flasche Wein etwa 1,50 DM – der Stundenlohn eines Maurergesellen liegt zu dieser Zeit bei 1,25 DM…..

Die Weine bei uns an der Oberhaardt sind meist mittlere Schoppenweine, der Absatz floriert, meist mit Masse statt Klasse, wobei es immer auch Winzer gibt, die Qualitätsbewusstsein zeigen. Bis zur Novellierung des Weingesetzes 1972 darf dem Wein 25% Zuckerwasser zugesetzt werden. Die Ernte wird selten wirklich reif, man kämpft mit „sauren“ Jahren. „Jahrhundertweine“ gibt es wenige.

In den frühen 80er Jahren werden im Durchschnitt 17.000 Liter Wein pro Hektar Rebfläche geerntet, an der Oberhaardt mit ihren schweren, fruchtbaren Lehmböden sind auch schon mal je nach Lage und Jahr 20.000 Liter und mehr pro Hektar keine Seltenheit. (zum Vergleich heute – reguliert durch Mengenbegrenzung: im Durchschnitt etwa 9.000 Liter)

In diese Zeit des Arbeitskräftemangels und der beginnenden Mechanisierung nach dem Krieg fällt auch das Sterben der Terrassenweinberge in der Pfalz.

Sie sind unzugänglich, schwer zu bewirtschaften, bringen kleine Erträge, sind nicht maschinentauglich und so für den Winzer unrentabel geworden.

Nach und nach verschwinden sie aus dem Bild der Landschaft an der Haardt, die sie fast 200 Jahre geprägt haben.

Heute gibt es in Maikammer nur noch die historische Anlage der Familie Oehl am Fuß des Wetterkreuzbergs und die heute vom Weingut Ziegler, St. Martin bewirtschaftete Anlage rund um das Lederle‘sche Weinberghäuschen auf der Ostseite des Bergs.

Alle anderen historischen Terrassenanlagen wurden im Rahmen der diversen Flurbereinigungsverfahren samt Trockenmauern beseitigt und zum Teil zu Streuobstwiesen umgestaltet.

Flugzeugaufnahme. Wetterkreuz-Berge bei Maikammer und Diedesfeld.

Auf dem Foto sehr schön erkennbar die vielen kleinen Parzellen am Maikammerer und Diedesfelder Wetterkreuz-Berg.

Postkarte des Malers Heinrich Strieffler.
Terassierte Weinbergsanlage von Andreas Hauck auf dem Wetterkreuzberg bei Diedesfeld.
Aus: „Maikammer – Alsterweiler – Vergangenheit in Bildern“
Kuno Bachtler, Dr. Andreas Imhoff, Dr. Thea Rieder Geiger-Verlag, 2004.

30.3.1930, Carl Leonhardt auf seinem Grundstück auf dem Wetter-Kreuzberg Maikammer.
Ca. 1940: Die Schwestern Gertrud und Hedwig Leonhardt am Fuß des Wetter-Kreuzbergs Maikammer.
Ca. 1950: Elisabeth „Liesel“ Goede geb. Leonhardt, verwitwete Fell (links), mit Tochter Helga Fell (Mitte) am Fuß des Wetter-Kreuzbergs Maikammer.

Impressionen von der Arbeit im Weinberg wie es früher war.

Ca. 1959, Weinlese Familie Zöller am Weinberg in der Berggasse.
1941, Weinlese der Familie Sona im „Breitenacker“.
Im Hintergrund der Wetterkreuz-Berg Maikammer mit Steinbruch zu erkennen.

Weinlese, 1939.
1941. Links in weißer Kleidung ein Kriegsgefangener.

1957.
1963.
Weinlese, ca. 70er Jahre an der Kalmitstraße. Nach dem dritten Traktor rechts zweigt die Berggasse ab.
Quelle: Digitales Archiv Heimatmuseum St. Martin.
Ehemaliger Unterstand an den Terrassen am Eichelberg mit Datierung auf das Jahr 1824.
In der Giebelfront befand sich bis etwa 2004 eine eingebaute Sonnenuhr, die leider entwendet wurde.

Wetterkreuz-Berg (Eichelberg) Maikammer im Jahre 1933 (Aufnahme von Carl Leonhardt gemacht) und 90 Jahre später, 2023.

Fotos: Club Sellemols. Zusammenstellung: Heike Scholhölter.