Club Sellemols (Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler)

(Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler) gegründet 2014

Club Sellemols (Historienfreunde Maikammer-Alsterweiler)

St. Martiner Str. 11, Bäckerei Ullrich

Die Geschichte der Bäckerei Ullrich. Aufgeschrieben in den Jahren 2003-2006 von Franz Ullrich jun. (1932 – 2013) in Maikammer.

„Mein Großvater Joseph Ullrich, geb. am 7.9.1867, lernte auf der Wanderschaft in Düsseldorf seine spätere Frau Katharina, geb. Saffenreuther kennen. Nach der Heirat (20.9.1893) gründeten sie eine Bäckerei in Maikammer, St. Martiner Str. 19 (damals noch Neugasse 485, Anmerkung Club Sellemols). Dies muss um 1890 gewesen sein (In den Adressbüchern Neustadt taucht Josef Ullrich das erste mal 1896 auf, auch 1901, ab 1914/15 dann mit der neuen Adresse: St.Martiner Str. 19, Anmerk. Club Sellemols).

Das erste Kind, mein Vater Franz Ullrich, geb. am 15.9.1894, hatte dann noch drei Brüder. Friedrich, geb. 30.8.1897, heiratete nach Hanhofen und arbeitete als Elektriker bei den Flugzeugwerken in Speyer. Josef, geb. 23.11.1898, der nach Venningen heiratete, wurde Bankkaufmann, und Karl, geb. 27.5.1901, wurde Elektriker, dann Gastwirt in Pirmasens, Olsbrücken und Neustadt an der Weinstraße. Am 20.1.1916 bekam mein Großvater die Konzession für eine Konditorei. In den 1920ern Jahren muss es gewesen sein, als er unglücklich von einer Treppe stürzte, woran er wenig später starb (laut OFB am 18.2.4924, Anmerkung Club Sellemols). Meine Großmutter war gezwungen, einen Pächter für die Bäckerei zu nehmen, da mein Vater noch nicht die Meisterprüfung im Bäckerhandwerk hatte. Dieser Pächter war Otto Thirolf. Man erzählte später, dass er sehr streng zu seinen Kindern war. Ein Kind nahm es sich so zu Herzen, dass es sich unter den Zug legte.

Foto: Joseph Ullrich (sitzend) auf Wanderschaft. Aufnahme in Düsseldorf, laut Rückseite.

Joseph Ullrich und Ehefrau Katharina geb. Saffenreuther, sitzend,
mit ihren 4 Söhnen, stehend v.l.n.r.: Karl, Josef, Fritz und Franz Ullrich. In der Zeit des 1. Weltkrieges 1914/18.
Links die Bäckerei Joseph Ullrich.
Rechts der Eingang der Bäckerei Thirolf genau gegenüber.
Aus dem Buch: „Maikammer-Alsterweiler Vergangenheit in Bildern“
von Kuno Bachtler, Dr. Andreas Imhoff, Dr. Thea Rieder, Seite 8.

Mittlerweile hatte mein Vater die Meisterprüfung gemacht und am 24.11.1922 geheiratet. Großmutter kündigte Otto Thirolf und mein Vater übernahm die Bäckerei. Thirolf hatte aber schlau gehandelt und um die Ecke rum, in der Friedhofstraße, eine Bäckerei gebaut und beim Wechseln versucht, die Kundschaft mit in sein neues Geschäft zu nehmen. So hatte mein Vater bei seiner Geschäftseröffnung keinen guten Start. Mit ihm waren es neun Bäcker, die Maikammer mit Backwaren versorgten. Centner am Frantzplatz, Schöffler am Marktplatz, Schnatz an der Weinstraße, Fuchs in der oberen Hartmannstraße, Langhäuser in der unteren Hartmannstraße, Thirolf in der Friedhofstraße, Wohlfahrt in der Weihergasse und Dengler in Alsterweiler.

Foto: Hochzeit 1922 von Franz Ullrich sen. (1894-1970) und Ehefrau Katharina geb. Bachtler (1896-1973).

Meine Schwester Liesel geb. 1919.
Links ist das Eckhaus, in dem meine Mutter Katharina Bachtler geboren wurde. Das Kind mit der weißen Schürze, ist meine Schwester Liesel.
(Hartmannstraße Mitte 1920.)

Josef Ullrich jun. (1927-1944)

Mein Bruder Josef, vier Jahre älter als ich, lernte ab 1941 bei meinem Vater Bäcker. Nachdem er im März 1944 zum Arbeitsdienst an die Front einrückte, kam er sechs Wochen später, am 13.4.1944, tot vom Krieg zurück. Er war erst sechzehneinhalb Jahre alt. Um die Nachfolge im elterlichen Betrieb zu sichern, nahm mich mein Vater wieder von der Oberschule in Edenkoben und ich erlernte ab 1.1.1947 bei meinem Vater das Bäckerhandwerk.

Franz Ullrich jun. (1932 – 2013), Verfasser der Geschichte.

Kurz nach Kriegsende war zu dieser Zeit noch alles sehr schlecht. Von 6 Mehlsäcken beschlagnahmten die Franzosen 5 Stück, sodass kein geordneter Backbetrieb mehr möglich und große Hungersnot entstand. Es wurde verordnet, dass von 8 Bäckereien in Maikammer vier zu schließen hätten. Dies geschah im Wechsel von 4 Wochen. Kohlen, Holz und Brikett gab es kaum um den Backofen zu befeuern. In Maikammer wurde, obwohl verboten, der Wald fast bis zur Kalmit von der Bevölkerung abgeholzt. Das Essen war knapp. Alles war rationiert und jeder bekam alle vier Wochen neue Lebensmittelkarten. Nur mit Abschnitten davon, bekam man Brot, Fleisch, Zucker und so weiter. Wir mussten diese Abschnitte auf eine Zeitung kleben, bei der Gemeinde vorlegen und bekamen dafür einen Berechtigungsschein für Mehl. Es war meine Aufgabe, mit diesem Schein zu einer Mühle zu gehen, um eine Lieferung Mehl zu bekommen. Die Leute litten wirklich Hunger. Wenn der Laden geöffnet wurde, standen regelmäßig Schlangen vor der Tür. Im Nu war das Brot alle und bitter für die, welche keines mehr bekamen.
Zur Not wurden auch Kartoffeln unter den Brotteig gemischt und Maismehl beigesetzt, was aber eine ganz schlechte Qualität ergab. War einmal Mehl vorhanden, so hatte man kein Holz oder Brikett, um den Ofen zu heizen. Wenn es diese einmal gab, dann musste ich einen Pferdewagen mit der Hand zum Bahnhof rollen. Gar nicht so leicht, gleichzeitig zu lenken und zum anderen die Handbremse je nach Gefälle zu öffnen oder zu schließen. Das Laden von ca. 20 Zentner Brikett mit der Schaufel stärkte die Muskeln. Nun musste ich nur noch warten, bis ein Bauer mit einem Pferd vorbeikam, den beladenen Wagen anhing und mich nach Hause fuhr.
In der Backstube ging es eher beschaulich zu. Doch da viele sehr früh arbeiten mussten, die Bauern im Felde oder die B.A.S.F. Arbeiter in Ludwigshafen, hieß es früh aufstehen, um die Brötchen rechtzeitig im Laden zu haben. Diese kosteten 10 und ein Drei-Pfund-Brot 47 Pfennige.

Die Arbeit am Backofen fand ich am schönsten. Nach dem Aufheizen, das eine Stunde dauerte, musste man noch warten, bis die Glut keine Flamme mehr zeigte. Wenn die aus dem Teig geformten Brote oder Brötchen zum Abbacken bereit lagen, wurden sie mit dem Schießer, das heißt, ein langer Stab mit einem Brett daran, in den Ofen geschossen. Zuvor wurde aber Wasser in den heißen Backofen gegossen, das sofort verdampfte. Dies hatte den Zweck, dass sich der Teig im Ofen noch ausdehnte und sich dann erst die Kruste bildete. 18 bis 20 Minuten dauerten die Brötchen, eine gute Stunde die Brote, bis sie gebacken waren.

1949 machte ich meine Gesellenprüfung mit zweimal einer Eins im Lehrzeugnis, und zweimal die Eins im Prüfungszeugnis des Gesellenprüfungsausschusses. In der Backstube gab es wenig zu tun. Die Konkurrenz auf der anderen Straßenseite, und weil mein Vater sich gegen jede Neuerung sperrte, ließen mich von zu Hause weggehen. In Reutlingen, beim Meister Reichenecker, fand ich einen Betrieb, wo ich viel lernen konnte. Aber auch dies war eine schwere Zeit. Um halb vier begann der Arbeitstag und meist erst um halb zehn abends war Schluss. Dort lernte ich Brezel backen und vieles mehr, was ich später einmal gebrauchen konnte.

Foto: Franz Ullrich jun. Von ihm beschriftet mit: „Das Bild zeigt unseren Garten in Maikammer. Es ist die Stelle, wo heute der eigene rückwärtsgelegene Parkplatz ist, an den Nachbar Jeckel angrenzend. Um dieses Bild zu machen, habe ich mich auch mal sonntags in die Bäckerkluft gesteckt.“

Im Sommer 1950 ging ich wieder zurück in den elterlichen Betrieb. Es war immer noch eine karge Zeit. Ein 3 Pfund Brot kostete 0,47 DM. Der Weck 10 Pfennig. Diese wurden auch an die Haustür gebracht. Dies war meine Arbeit. Mit dem Fahrrad in aller Frühe war es fast die schönste. Um zu sparen, brachten viele ihr Brot zum Abbacken zu uns, und bezahlten fürs Pfund 8 Pfennige. Der große gemauerte Backofen wurde mit Buchenscheitholz befeuert. Die Flammen schlugen drei Meter durch den Backraum. Ich konnte durch ein Guckloch an der Feuerungstür diesem Flammenspiel zusehen. Die Kunden brachten auch ihre Kuchen zum Abbacken zu uns. Dazu genügte ein nochmaliges Aufheizen des Ofens mit drei Bund Reben. Wenn im Frühjahr in den Weinbergen die Reben geschnitten waren, las meine Mutter auf den Knien rutschend diese zu sogenannten „Häschen“ auf.

Am 19. Februar 1955 habe ich meine Frau Leoline Ferkel aus Böhl geheiratet!

(Der 19.2. war der Fastnachtssamstag im Jahr 1955. Anmerkung Club Sellemols)
Diesen Tag erlebte ich so:
Nachts um 12 Uhr begann ich in der Backstube mit der Arbeit. Um 6 Uhr noch schnell die Brötchen zu den Kunden gefahren. Um 7 Uhr ging ich zum Friseur Martin, der mich mit seinem neuen Auto, einem VW Käfer, nach Böhl fuhr. Um 10 Uhr war das Hochzeitsamt und gefeiert wurde in den ausgeräumten Stuben von Leolines Eltern. Montags fuhren wir beide mit dem Zug nach Maikammer, zu meinen Eltern. Das Essen hatten wir frei und ein Zimmer zum Schlafen.
Wir waren bitterarm, aber glücklich.

Das Geschäft der Eltern war nicht rentabel. Die viele Konkurrenz am Ort, eine sogar gegenüber, hatte viel mehr Zulauf. Dies war vielleicht ein Grund, warum mein Vater immer mehr trank. Sonntags gab mir meine Mutter versteckt 5 Mark. Es war unser beider Lohn für eine Woche. Wir versuchten schon, uns zu verbessern und holten vom Speicher alte Stühle und Schränke, die wir schön weiß mit Farbe gestrichen haben. Sehr oft stand ich mit meiner Mutter alleine in der Backstube, weil mein Vater seinen Rausch ausschlief. Aber wir hielten zusammen und hatten auch GLÜCK, besonders als unser erstgeborenes Kind Sylvia da war. Wir hatten nur zwei Zimmer und gekocht wurde zusammen mit den Eltern. Irgendwie war es ein trostloses Leben, doch hielten wir treu zueinander. Wir hofften auf eine bessere Zeit.

Meine Frau Leoline machte sich nach bestem Können nützlich. Sie half, wo es gerade fehlte. Im Ladengeschäft, wie auch in der Bäckerei.

Im Spätjahr 1956 machte ich meinen Meisterkurs. Da dieser um 1/2 8 Uhr anfing, begann ich sehr früh in der Backstube mit der Arbeit, um zeitig in Speyer zu sein, wo der Kurs in der Jugendherberge stattfand. Am 4. Dezember 1956 hatte ich erfolgreich meine Meisterprüfung im Bäckerhandwerk gemacht.

Foto: ca 1956, Franz Ullrich vor den Hühnern mit Ehefrau u. beiden Töchtern: Wir hatten noch Hühner im Garten, die glückliche Eier legten. Darunter sieht man eine Öffnung, um die Schweine zu füttern. Die Bäcker hatten die größten Schweine, da sie mit dem Kehrmehl gefüttert wurden. Voller Stolz nahm ich drei Mädels auf den Arm. Sylvia rechts, dann Leoline und klein Rosemarie.

Das schlechte Geschäft ließ es nicht zu, dass mich mein Vater bezahlen konnte. Auch gab es seiner Zeit eine gesetzliche Regelung, die besagte, dass Meistersöhne von den Renten- und Krankenkassenbeiträgen befreit waren. Mein Vater freute sich, dass er für mich keine Beiträge zu zahlen brauchte, aber ich bekam dadurch keine Rente und war nicht krankenversichert.
Ab 1960 hatte ich etwas Geld übrig, um selbst eine Lebensversicherung abzuschließen, die ich dann im Laufe der Zeit erhöhte. Wohl hatten wir Unterkunft und Essen frei, doch als unsere erste Tochter Sylvia erkrankte und ins Krankenhaus nach Heidelberg musste und dafür die ersten Rechnungen kamen, drängten wir meine Eltern, uns doch das Geschäft zu übergeben. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater 63 Jahre alt.
Am 20. Juli 1957 war es so weit!

Wir hatten Handzettel verteilt und eine Tageseinnahme von DM 18,00. Am nächsten Samstag waren
es schon DM 24,00. Wir lebten genügsam und bekamen langsam mehr Kunden. Meine Frau wusste mit den Kunden gut umzugehen.

Die Konkurrenz gegenüber hatte ein besseres Geschäft. Thirolf Junior war noch nicht verheiratet und fuhr einen großen Borgward Isabella. Er hatte es mit einer verheirateten Frau. Als deren Mann einem intimen Telefon-Gespräch der Beiden zuhörte, kam dieser so in Wut, dass er seiner Frau den Hals durchschnitt. Als Auslöser dieser Tat galt aber Thirolf. So war es nicht verwunderlich, dass in seinem Geschäft die Kunden ab- und in unserem Geschäft zunahmen.


Es bat mich die Gemeinde Maikammer, an Thirolfs Stelle die Schule mit Backwaren zu beliefern. Fortan fuhr ich zunächst mit dem Fahrrad und einem Korb auf dem Rücken, der mit Brötchen, Brezeln und Schneckennudeln bestückt war, um 1/2 10 Uhr zur Pause dorthin. Eine viertel Stunde später war meine Ware verkauft. Als ich später ein Auto hatte, tat ich mich schon erheblich leichter.
Die Schulkinder bezahlten mit Kleingeld, welches ich dann sonntags für die Bank in Papier rollte. So war ich immer gewichtig, wenn ich dieses zur Bank trug. Einmal beauftragte ich damit Sylvia. Am Marktplatz aber verwechselte sie das Bankgebäude und ging in das seinerzeit auch am Marktplatz liegende Gemeindehaus. Die Beamten staunten nicht schlecht, als ihnen klein Sylvia das viele Geld überreichte. Sie wurde dann von ihnen natürlich zum richtigen Haus geschickt.

Ca. 1959. Links: Bäckerei Franz Ullrich.

Mein Großvater muss um 1890 einen gemauerten Backofen erstellt haben. Dieser kostete einmal 1000 Mark. Bis Ende 1958 habe auch ich damit gebacken, dann hatte er aber ausgedient. Ich riss ihn ab und kaufte einen moderneren mit 6 übereinander liegenden Herden. Er kostete DM 9000 und DM 3000 für Maurer, Elektriker und Architekt. Rechts, auf dem fahrbaren Schragen, sind 6 Einschießapparate, die mir das Backen erheblich erleichterten. Im August 1959 bekam ich eine halbautomatische Teigteilmaschine für DM 2450. Die Teigmaschine mit Drehhebelarm links hatte ich noch von meinem Vater. Links die Mulde, darauf steht eine Nudelmaschine und eine Teigwaage. Vorn rechts eine Klievmaschine, die Brötchen aus einem Ballen Teig zunächst in 30 Stücke teilte und dann rund machte (klieven genannt).

Am 9. Januar 1959 bekam ich den neuen Backofen der Fa. Debag in München.

Die neue Backstube mit dem Wichtigsten, dem neuen Backofen! Davor Meister Franz und Meisterin Leoline.


Am 27. 8. 1959 stand mein erstes Auto im Hof. Ein Fiat 600 vom Autohaus Weiß in Neustadt. Es kostete DM 4041,00. Meine Frau und ich waren mächtig stolz. Je mehr Arbeit wir hatten, umso lieber war es uns. Wenn es an Zeit fehlte, habe ich auch mal sonntags gebacken und beide haben wir immer die Backstube geputzt. Es wurde die Regel, dass ich auch Sonntag um vier oder fünf Uhr früh aufstieg, um die Buchführung zu machen. War ich damit fertig, fuhren wir meist mit den Kindern in den Wald.
Die nächste Zeit entwickelte sich so, dass ich das Auto mit Backwaren belud und mir im Dorf Kunden suchte. Am Bahnhof hatte ich bald sehr gute Abnehmer, aber auch in der Nähe vom Sportplatz, in Alsterweiler, sowie in der Schlossstraße.
Sehr zeitig, das heißt vor 6 Uhr, brachte ich auch die Brötchen zur Kundschaft. In Leinensäckchen wurden sie ans Tor gehängt. Wenn die leeren Säckchen zurückgebracht wurden, kam die Kundschaft wieder in den Laden und kaufte etliche Waren dazu. Am Anfang hatten wir ein ganz kleines Ladengeschäft, von ca.16 qm. In Eigenarbeit und mit Hilfe meines Schwiegervaters Heiner Ferkel aus Böhl, der Maurer war, haben wir ihn etwas vergrößert, und neu eingerichtet. Alles wirkte sich vorteilhaft aus. Aber die Backstube wurde zu klein um neue Maschinen aufzustellen. Wieder mit Hilfe meines Schwiegervaters vergrößerte ich, wo es ging. Seine Arbeit war für uns fast unbezahlbar. Wenn es mal in der Backstube viel Arbeit gab, half er sogar dort mit. Auch seine Frau Käthe mit ihrer Schwester Barbara halfen uns, wo sie konnten, meistens in unserem Haushalt, denn mit mittlerweile 5 Kindern gab es jede Menge zu tun.

1965: Das Haus mit der Ladentreppe war mein Elternhaus. 1957 von den Eltern gepachtet und am 1.1.1969 von ihnen gekauft. Zwischen 1965 und 1967 bauten wir links nebenan ein neues Haus mit Ladengeschäft. Die Firma Otto Gerhard baute zur vollen Zufriedenheit, aber viel zusätzliche Arbeit gab es auch für uns, bis wir im Juli 1967 ins neue Haus einzogen. Wir waren aber jung, stark und zäh. Im Bild links sieht man von der Konkurrenz Thirolf, eine Baumaschine. Auch er hatte gerade gebaut und sich sozusagen uns auf die Nase gesetzt. Unter unserem Neubau ist der Nachbar Nickolaus mit seinem Ladengeschäft an der Straße, heute hat er daraus eine Wohnung gemacht. Früher mussten die Kunden vier Stufen die Treppe hochgehen, wenn im Frühjahr der Schnee schmolz. Dazu legten wir Bretter über die Treppe, damit die Kunden trockenen Fußes in das Geschäft kamen. Es gab noch keine Kanalisation und das Wasser schoss über die Straße ab.

1963. Unsere Familie brauchte mehr Platz. Es reifte in uns der Plan, das Nachbarhaus von Wilhelm Hugo zu kaufen (Erbgasse 2, Anm. Club Sellemols). Dieser baute in der Gartenstraße ein neues Haus. Das Kaufdatum war der 18.4.1963. Als wir wieder etwas Geld hatten, begannen wir das erworbene Haus abzureißen, um ein von Architekt Josef Schädler geplantes neues Geschäftshaus zu bauen. Um Kosten zu sparen haben wir „das alte Haus“ selbst abgerissen. Nur für Schutt wegfahren und ausbaggern hatten wir eine Firma. Stück für Stück trugen wir es ab. So war es auch an einem heißen Sommertag. Ein junger Mann aus Maikammer, Dieter Flügel, half mir, als folgendes geschah. Beim Freilegen eines schweren Balkens gab dieser plötzlich nach und schlug so fest gegen die Giebelwand, dass diese auf die Straße stürzte. Wegen der großen Hitze aber war niemand auf der Straße und wir hatten großes Glück, dass nichts passierte.

Bei weiteren Abbrucharbeiten kamen wir bald an das Dach. Leoline sollte die Stromwerke benachrichtigen, damit der Stromständer auf dem Dach abmontiert wird. Wir arbeiteten weiter, aber niemand lies sich sehen. Plötzlich gab es einen Ruck und der unter Strom stehende Ständer hing frei in der Luft. Bei allen Arbeiten half unser Böhler Opa fest mit. Er ging in dieser Zeit gerade in Rente, was für uns ein großer Vorteil war. Er konnte für zwei arbeiten.

1966 bekam ich einen größeren Backofen, was Umbauten notwendig machte. Nachmittags wechselte ich daher nun wieder die Kleider und wurde Maurer.

1970 rissen wir das alte Haus ab und vergrößerten bis 1972 das linke um nochmals die gleiche Fläche.
Mit unseren 6 Kindern, meinen Eltern und uns waren es immerhin 10 Leute, die darin wohnten.

Wir waren schon stolz auf das Erreichte. In der Regel stand ich nachts um 3 Uhr auf, begann mit dem Backen bis ca. 13 Uhr. Mittags zwei, drei Stunden Schlaf um dann im Laden noch zu helfen, aufzuräumen und für den nächsten Tag in der Backstube wieder vorzurichten.
Leoline begann schon 1/2 6 Uhr. Sie half zuerst im Backhaus. Dort wurden um diese Zeit die Brötchen in sogenannte Wecksäckchen gezählt. Der eine wollte z.B. 4 Wecke, 1 Hörnchen und 2 Mohnwecke, andere wiederum verlangten 3 Wecke und 2 Salzwecke. 80 bis 90 Säckchen waren zu füllen.

Ab 1973 hatte ich eine Honda 200 fürs Brötchen ausfahren. Bisher fuhr ich die Brötchen immer mit dem Auto zu den Kunden, dabei musste ich immer in den Leerlauf schalten, die Bremse anziehen und das entsprechende Säckchen vom Auto zu den Kunden tragen. Aber seit ich dieses Motorrad hatte, ging dies viel schneller. Nur saß ich verschwitzt darauf, und war im Sommer, wie im Winter dem Wetter ausgesetzt.
Die gefüllten Wecksäckchen habe ich je zur Hälfte an den Lenker gehängt, und ab ging es damit zu den Kunden bis an deren Haus. Nachdem ich eine Tour fortgefahren hatte, brachte mir Leoline die nächste ans Tor, damit ich nicht vom Motorrad abzusteigen brauchte und es schneller ging.

Um 6 Uhr wurde der Laden geöffnet. Die Kunden verlangten auch nach Lebensmittel. Neben dem großen Sortiment an Backwaren führten wir Frischgemüse, Frischmilch und viele Waren des täglichen Bedarfs.

1970. Unser Geschäft erfreute sich immer größerer Beliebtheit. Aus diesem Grunde mussten wir wieder eine Vergrößerung planen. Am 1.1.1969 hatten wir das elterliche Anwesen mit Bäckerei gekauft.
Nachdem Architekt J. Schädler die Pläne für diesen Erweiterungsbau fertig hatte und diese auch genehmigt waren, begannen wir, wie oben geschildert, mit dem Abriss des alten Ladens. Baugeschäft Otto Gerhard machte auch diesen Bau.

1971. Wie ein Paukenschlag, bekam ich meinen ersten Herzinfarkt und dies mit 39 Jahren. Sieben Wochen in der Klinik Dr. Jäth in Neustadt. Von einem Tag auf den anderen musste Leoline alleine in der Backstube zurechtkommen. Zum Glück hatten wir Frau Margarethe Müller aus Alsterweiler, die sich sehr nützlich machte. Auch wer von den Kindern anwesend war, musste mithelfen. Sohn Reiner war 14 Jahre geworden und hatte bei mir die Bäckerlehre begonnen. Er arbeitete sehr gut, und auch viel, sodass er eine große Hilfe war.

Ich hatte Glück und erholte mich von dieser Erkrankung und weiteren in den folgenden Jahren immer wieder. Wenn ich rückblickend nach der Ursache frage, dann meine ich, es war nur Stress und die Nachtarbeit. 41 Jahre stand ich als Bäcker nachts um 3 Uhr auf. Wenn vor Feiertagen viel Arbeit war, auch früher. Mein Inneres sagte mir: „Du hast neu gebaut und sechs Kinder, halte durch und gib nicht auf.“

1972. Mit Aktionen und Sonderangeboten öffneten wir den auf 100 qm vergrößerten Laden Es war uns nun möglich, mit einem viel größeren Sortiment die Kunden zu bedienen. Täglich frisches Obst und Gemüse, Tiefkühlkost und eine große Käsetruhe nahmen die Kunden gerne an, um beim Kauf von Backwaren, alles unter einem Dach zu bekommen. Über Arbeit brauchten wir uns nicht zu beklagen. Es ging alles bestens. …. Wenn abends am Geschäft die Leuchtreklame an war, gab es schon ein imposantes Bild.

Einmal klaute eine Diebin 3 Tafeln Halbbitterschokolade. Als sie gestellt wurde, sagte sie, „Wenn ich doch bezahlen muss, dann hätte ich sie lieber in Vollmilchschokolade!“ Sie bewohnte das schönste Haus in Maikammer, war Kleptomanin. Wenn sie zum Einkaufen kam, fuhr sie ein tolles Cabrioauto.

Ca. 1972. Das Bild zeigt die Größe unserer Schaufensterfront. Darin spiegelt sich das Anwesen unserer Konkurrenz. Das Fenster ist zum Erntetag geschmückt. Das runde gebackene Schaustück zeigt ein Bäckerwappen, wo zwei Löwen eine Brezel halten. Die Schrift darum herum sagt: „Trockenes Brot ist nicht hart, kein Brot, das ist hart“.
Rote Plakate kündigen Sonderangebote an.
1978 Bäckerei, Leoline und Rosemarie im Ladeninneren:
Nach Feierabend wird von der Chefin und Rosi das Fehlende aufgeschrieben. An der Decke sind zwei Spiegel angebracht, der Ladendiebe wegen.

(Das Video hier zeigt die Arbeit in der Bäckerei Franz Ullrich im Jahre 1973. Gezeigt werden die Herstellung von Brot, Brötchen, Kuchen. Gedreht wurde der Film von Franz Ullrich und seinem Sohn Reiner Ullrich. Alle Arbeitsschritte in der Bäckerei sollten festgehalten werden. Gedreht wurde mit einer Super 8 Kamera ohne Ton. Erst sehr viel später hat Reiner Ullrich seinen Vater gebeten, einen Text zu verfassen und ihn auf Band zu sprechen. Reiner Ullrich hat Film und Ton digital zusammen gemischt. Ein wunderbares Zeitdokument!)

Ca. 1984: Wenn ich mit Waren von der Metro zurückkam, musste alles antreten, um zu helfen, sogar die kleine Enkelin. Gegenüber ist die Konkurrenz. Wenn dort Kunden kauften, zeigten sie uns den Rücken. Genauso war es aber auch umgekehrt.
1987: Werbeanzeige Bäckerei Ullrich.

1987/88
Am 1. Januar 1987 verpachteten wir unser Geschäft. Sohn Reiner und seine Frau übernahmen es. Aber schon am 1.August 1988 gaben sie es wieder zurück.

1. August 1988! Welch ein Tag! Nach 100 Jahren Bäckerei Ullrich besteht sie nicht mehr.
100 Jahre das tägliche Brot – gebacken vom Großvater, vom Vater, von mir, dann vom Sohn.
Der Ofen ging für immer aus!

Ab 15. Oktober 1988 nahmen wir einen Pizzabetrieb hinein. Da seitens der Gemeinde Parkplätze gefordert waren, haben wir die ehemalige Mehlkammer am 8.12.1988 abgerissen. So gab es nun einen großen rückwärts gelegenen Parkplatz. Nun begann das große Räumen. Alle Maschinen bot ich zum Verkauf an. Die große Theke, zwei Teigkneter, Rührmaschine, Hörnchenwickelmaschine, Waagen, zwei Froster und die vielen Kleinteile, sowie den Backofen. Es fiel uns nicht leicht, in dreißig Jahren ein Geschäft aufzubauen, es unserem Sohn zu geben und nach einem guten Jahr auf einen Schlag dieses Ende zu verkraften. Heute, nach 15 Jahren, beschäftigen uns noch die Träume von dieser Zeit. Es waren über vierzig lange Jahre, in denen ich früh in der Nacht aufgestanden bin. Was wäre wohl, wenn heute jemand gesagt bekäme, dies musst du 41 Jahre tun?
Da der Pizzamieter zu ungenau zahlte, stellten wir neue Überlegungen an. Das Ergebnis war dann der Teilverkauf …. am 30.12.1992. Das heißt, alles Ebenerdige, wie Ladenräume, Backstuben, die Wohnküche mit Koch- und Sanitärraum sowie den rechts hinten liegenden Altbau und den rechten Kellerraum gingen in anderen Besitz über. Drei Stellplätze blieben aber zu den zwei oben liegenden Wohnungen. ….
Viel Arbeit gab es nochmals, als wir im Oktober 1992, nachdem uns die Firma Nickolaus nebenan ein Gerüst gestellt hatte, unter Mithilfe von meiner Frau und allen Kindern alle Außenwände am Haus mit Fassadenfarbe gestrichen haben.

Zwei unserer Kinder wohnten noch bis Dezember 2001 darin, danach war es vermietet. Diesem Mieter wurde wegen Mietrückstände fristlos gekündigt so dass er 2004 im Dezember das Haus räumte. Er hinterließ einen Berg Schulden.

Um fürs Alter vorzusorgen, reifte in mir der Plan, ein Haus ganz allein für uns zu bauen. Das verwirklichten wir von 1984-1988 in St. Martin. Im Juli 1987 zogen wir dort ein!

Neujahrsbrezeln von Franz Ullrich gebacken, für die Familie zum Neujahr 2000.
Franz Ullrich an seinem Schreibtisch in St. Martin.
2002 Franz Ullrich an seinem 70. Geburtstag.
Mit Ehefrau Leoline in St. Martin.

Schlusswort
Ja lieber Leser, alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Nach all den guten und schlechten Zeiten, die ich rückwärts geschaut habe, bin ich nun müde geworden. Müde vom Alter, aber auch vom Schreiben.
Was hat mich eigentlich dazu gebracht, dies alles zusammen zu tragen? War es mein unerfüllter Wunsch, viel mehr über meine Großeltern zu erfahren? Wie hat Großvater als Bäcker gearbeitet, als es noch keinen Strom und keine Maschinen gab? Darüber ein Bild zu sehen, hätte mich sehr gefreut.
Ich war mit Eifer und Ausdauer dabei, musste ich mich doch erst mit dem Computer vertraut machen. Aber ich habe auch Spaß gehabt, all diese Begebenheiten nochmals vor meinen Augen Revue laufen zu lassen. Mein ganz großer Wunsch ist es, dass einmal ein Nachkomme mit Interesse das hier zusammen getragene liest. (Es steht auch vieles zwischen den Zeilen). Dazu hat er meinen Segen.
Ich muss dankbar sein. Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass Gottes Segen mit mir war.

Es grüßt euch alle herzlichst! Franz Ullrich, 10.März 2006″

(Foto: Eigenbiografie von Franz Ullrich „Mein Leben“.)

Franz Ullrich hat uns auch dieses Rezept hinterlassen, wer möchte kann sich ans Brot backen wagen :

DANKE an Hr. Franz Ullrich jun., dass er dies vor 20 Jahren alles aufgeschrieben hat, ein wertvoller Blick zurück, sowohl in die Handwerkskunst der Bäcker wie auch auf die Vergangenheit von Maikammer. Danke an seinen Sohn Reiner Ullrich, der dies dem Club Sellemols freundlichst zur Verfügung gestellt hat!

Haben Sie liebe Leser Erinnerungen an die Bäckerei Ullrich und/oder Fotos davon ? Der Club Sellemols freut sich immer über Ergänzungen und Bildmaterial. Nehmen Sie Kontakt zu uns auf!

info@clubsellemols.de

OFB:

Franz Ullrich und Katharina Saffenreuther <6606>.

Franz Ullrich <6623> und Katharina geb. Bachtler <165>.

Fotos: Club Sellemols. Text- und Fotozusammenstellung, September 2026: Heike Scholhölter.