Einsturz Weinstraße Nord 50
Zwei Artikel vom Tag danach aus der Rheinpfalz vom 21.05.1960:

Hauseinsturz dicht bei Baugrube / Frau tot unter den Trümmern / Feuerwehren konnten in Maikammer nicht mehr helfen
„Den Tod der 67 Jahre alten Frau Anna Knick (<3212>) aus Maikammer forderte gestern ein schweres Einsturzunglück an einem Altbau, das sich unmittelbar am Neubau für die Oberhaardter Gebietswinzergenossenschaft am Ortseingang von Maikammer (Nachbarhaus der Weinstraße Nord 54) ereignete. Obwohl das zum Teil eingestürzte Gebäude, in dem die Frau wohnte, wegen der unmittelbar an die Grundmauern heranführenden Baugrube für den Neubau der Gebietswinzergenossenschaft abgestützt war, brachen gegen 10.30 Uhr die gesamte Stirnseite und ein Teil der Längsfront des zweigeschossigen Hauses unvermittelt ein, wobei der größte Teil des Mauerwerks und des Mobiliars in die Grube für den Neubau stürzten.
Die sofort alarmierte Maikammerer Feuerwehr sah sich vor eine aussichtslose Lage gestellt. Unverzüglich wurden deshalb die Wehren von Neustadt und Ludwigshafen alarmiert. Namentlich die Ludwigshafener Berufsfeuerwehr rückte für alle Fälle mit einem technischen Bergungsfahrzeug an. Trotz fieberhafter Rettungsarbeiten glückte es jedoch erst gegen 14 Uhr, die Frau unten in der Baugrube aus dem Geröll zu bergen. Sie hatte sich offenbar im Obergeschoß des Gebäudes in ihrer Küche aufgehalten, die samt der Umfassungsmauern zur Hälfte in die Tiefe gerissen worden war. Jede Hilfe kam jedoch zu spät. Schwere Schädelzertrümmerungen und andere beträchtliche Verletzungen lassen den Schluss zu, dass die Frau sofort tot gewesen sein muss.“

In der eingestürzten Wohnung vom Tod überrascht/ Zu dem verhängnisvollen Unglück am Neubau der Gebietswinzergenossenschaft Oberhaardt in Maikammer
„Das schwere Einsturzunglück am Hintergebäude des ehemaligen Anwesens Ullrich.. .. zog gestern weite Kreise der Bevölkerung von Maikammer und Umgebung in seinen Bann. Ein riesiges Loch, das sich über eine ganze Stirnseite und einen Teil der Längsfront des unmittelbar an die tiefe Baugrube für den Neubau der Gebietswinzergenossenschaft Oberhaardt angrenzenden Altbaus erstreckte, gewährte Einblick in Wohnräume im Obergeschoß, in denen die 67 Jahre alte Frau Anna Knick vom Tod überrascht worden ist: ein Küchentisch und zwei Stühle auf der schiefen Ebene des teilweise in die Tiefe abgesackten Fußbodens, Reste von Fenstervorhängen, die von der Zugluft in Bewegung gehalten wurden, und anderes Mobiliar mehr Kennzeichen eines häuslichen Lebens, das jäh endete.
Als sich Gemäuer des Altbaus in die unmittelbar benachbarte Grube für den Neubau der Gebietswinzergenossenschaft entladen hatte, wusste noch niemand mit Bestimmtheit etwas vom Schicksal der beklagenswerten Frau. Zwischen Hoffen und Bangen verstrich die erste Zeit, bis mit Sicherheit feststand, dass sich Frau Knick zur Zeit des Einsturzes in ihrer Wohnung aufhielt, sie von den Trümmern also begraben worden sein musste. Gleichwohl begann die schon bald nach ihrer Alarmierung an der Unfallstelle eingetroffene Maikammerer Feuerwehr mit Bergungsarbeiten. Doch erst als die Wehr von Neustadt und die Berufsfeuerwehr von Ludwigshafen zusätzlich zur Hilfe gerufen worden waren, gelang es gegen 14 Uhr, die Frau tot zu bergen. Schwere Verletzungen lassen die Vermutung zu, dass ihr lange Qualen erspart blieben. Als ein Glück ist es zu bezeichnen, dass niemand von den ununterbrochen tätigen Bauarbeitern von dem Einsturz betroffen wurde. Immerhin spricht für die Wucht des abgesackten Gemäuers der Beschädigungsgrad eines Kabinenrollers (Bild links), der an der Unfallstelle abgestellt war. Unser rechtes Bild zeigt die schroffe Kontur des verbliebenen Gebäudeteils an der Stelle, wo das Gemäuer in die tiefe Baugrube polterte.“
In der Ortschronik von Maikammer (Damm/Treptow) findet sich hierzu folgender Eintrag auf Seite 553:

„…in den Jahren 1958 und 1959 bildeten sich in der Vorderpfalz mehrere Winzergenossenschaften. So haben sich auch die Winzergenossenschaften von Maikammer und Alsterweiler formiert mit dem Zusatz, dass auch Winzer aus Kirrweiler als Mitglieder aufgenommen werden können. Spontan sind viele Winzer aus Kirrweiler der Genossenschaft beigetreten, sie nannte sich „Oberhaardter Winzergenossenschaft“.
Der erste Herbst war der 1959er, ein vorzüglicher Wein. Er wurde in den Räumen und Kellern der Maikammerer Winzergenossenschaft abgewickelt. Schnell wurde noch vor der Weinlese der ganze Garten mit Lagertanks belegt, und mit knapper Not konnte die Ernte untergebracht werden. Die Genossenschaft war nicht besonders gut eingerichtet, und so lag der Gedanke an ein neues Haus nahe.

Die Lösung lag im Erwerb des Hauses von Hermann Ullrich (Bürgermeister von 1948-1955), Weinstraße-Nord (50), mit einem großen dazugehörigen Gelände, welches sich als großzügige Erweiterung der Keller- und Kelterräume erwies. Durch den raschen Mitgliederzuwachs war schnelles Handeln am Platze. Von Regierungsbaurat a. D. Klein aus Germersheim wurden die Pläne gefertigt, und schon im Mai 1960 wurde mit dem Aushub für den Keller begonnen. Als der Keller beinahe fertig war, brach der gewölbte alte Keller auseinander, da er nach der Seite schlecht abgesprießt war. Das zweistöckige Wohnhaus stürzte zusammen und die Mieterin der Wohnung Fr. Knick, ist dabei umgekommen.
Die Feuerwehren aus Maikammer und Neustadt verrichteten die lebensgefährlichen Aufräumungsarbeiten und haben die Leiche geborgen. Die allgemeine Anteilnahme der Gemeinde wurde der Familie entgegengebracht. Bis zur Klärung der Schuldfrage wurden die Bauarbeiten unterbrochen, um so zügiger wurden sie aber dann weitergeführt, so daß zur Weinlese 1960 schon ein Teil des Weines in Tanks dort gelagert werden konnte.
Trotz aller guten Baufortschritte blieb der Makel, daß der schreckliche tödliche Unfall hätte vermieden werden können, wenn man beim Bau des Kellers mehr Sorgfalt hätte walten lassen. … All die durch den Einsturz entstandenen zusätzlichen Kosten mußten die Mitglieder der Maikammerer Genossenschaft aufbringen, und das war ein horrender Betrag. Einfach war die Sonderbelastung, der Betrag wurde vom Herbstgeld abgezogen.“
2018 berichtete Zeitzeuge Gustav Weis (Sohn von OFB <6912>) dem Club Sellemols dazu folgendes:

„Es sollte dort eine große Kelleranlage mit Abfüllanlage usw. gebaut werden. Das ist in Planung gegangen und auch genehmigt worden. 1959 bin ich von der Firma Hoch nach Maikammer in die Genossenschaft gekommen. Die haben gesagt, ich sei ja im Aufsichtsrat und jeden Tag beim Bau dabei, ich solle alles beobachten. Beim Ausbaggern wurde sehr tief unter das alte Kellergewölbe runter gegangen, nur alte Telegraphenstrommaste aus Holz wurden zum Abstützen des alten Kellergewölbes verwendet. Ich habe noch davor gewarnt und gesagt, da passiert was! Das Mittelteil des Kellers ist bei dem Einsturz runtergebrochen und darüber ein Teil vom Wohnhaus! Und jetzt war die Frage, ob die Frau die darin gewohnt hatte zu dem Zeitpunkt da war. Was an dem Tag dann hier los war: Viel Polizei und „barmherzige Samariter“ von Ludwigshafen waren da. Es ist rumgesucht worden, dann war die Frau da unten drin, dahinter, das sind Eisenträger und die Treppe usw., da war sie gelegen und war tot! Die Frau Knick war das, sie hatte darin gewohnt. Das war keine Maikammerin. Der Sohn von der Frau hat mit uns Fußball gespielt… Aus dem Schutt haben wir später noch ganze Gurkengläser die im Keller gelagert waren, rausgeholt die gar nicht kaputt gegangen waren.

Und weil ich die Bilder gemacht hatte, hat die Staatsanwaltschaft meine Fotos beschlagnahmt und das hat der Damme Jean, unser Bürgermeister, auf die Fotos geschrieben : „Baueinsturz Gebietsgenossenschaft, Weis Gustav zurückgeben“, die Fotos habe ich dann wieder bekommen.
Die Firma ist gestraft geworden. Um das Haus musste dann später mit einem Mordsaufwand bestimmt 1,5o m bis runter zum Keller betoniert werden, weil sie Angst hatten, dass da irgendwas unter dem Haus nachgibt. Und das ist dann später wieder zugemacht worden.“
OFB: Anna Maria Luise Knick <3213>, geb. Grützemacher wurde am 2.2.1893 in Schwarzow Naugard in Pommern geboren. Sie heiratete am 5.5.1926 in Hammond Indiana USA ihren Mann Ernst Louis Gustav Wilhelm Knick, der von Beruf Brunnenbauer u. Wassermeister war, er ist geschätzt 1890 geboren, wann und wo er verstarb ist unbekannt.
Fotos: Club Sellemols, 2018 von Gustav Weiss zur Verfügung gestellt.

