Rentner Meininger – ein Kriegs-Schicksal

(Beitrag aus „Hecker und Mucker“, Ausgabe 3 vom Mai 2025, Verfasser: Manfred Ullrich.)
„Nachdem ich im Internet recherchiert habe, dass die Panzerspitzen der US-Amerikaner am 21. 3. 1945 Neustadt eroberten, kann ich das nachfolgend Geschilderte zeitlich wohl dem vorausgehenden Abend des 20. 3. 1945 zuordnen:
An unserem Haus in der Marktstraße zog ab diesem Nachmittag bis zum späten Abend eine große Zahl abgekämpfter, zum Teil verwundeter deutscher Soldaten vorbei, viele davon nur noch zu Fuß und ohne Fahrzeuge. Sie kannten alle nur ein Ziel: Das gegenüberliegende rettende Ufer des Rheins vor der über den Pfälzerwald nachrückenden US-Armee zu erreichen . Ich kann mich noch gut an deren verzweifelte Fragen erinnern, wie weit es bis dahin noch sei und ob man sich überhaupt in die richtige Richtung bewegen würde.
Wie im Krieg so üblich haben damals auch deutsche Pionier-Trupps, um dem Gegner das Nachrücken zu erschweren, nahezu jede auch noch so kleine Fluss- und Bachbrücke in die Luft gesprengt. Dies geschah an diesem späten Abend auch mit einem winzigen Bach-Durchlass unter dem Bahndamm der Zugstrecke Neustadt-Landau unmittelbar südlich des Maikammerer Bahnhofs und ganz nahe bei der damaligen Dresch-Halle.
Am Beginn der Marktstraße unmittelbar an der Staatstrasse (der späteren Bundesstraße B 38) stand damals auf der Ecke noch ein älteres, sich im Besitz meines Onkels befindliches Haus, bewohnt von 3 Mietparteien. Im Dachgeschoß lebte ein Rentner namens Meininger. Bei der vorab erwähnten, rund 200 m entfernten Sprengung wurde ein etwa 60 cm langes Teilstück einer hölzernen Bahnschwelle, noch versehen mit den darauf verschraubten eisernen Halte-Krampen, hoch in die Luft geschleudert, stürzte dann wohl aus großer Höhe herab, durchschlug zuerst das Ziegeldach des Miethauses, dann die darunter liegende Zimmerdecke und trennte zuletzt dem auf der Bettkante sitzenden Herrn Meininger den Oberschenkel ab. Die in dem Geschoß darunter wohnende Korbflechterfamilie Strasser hörte zwar dessen laute Schmerzensschreie, deutete diese aber zuerst einmal als Folge eines zu starken Alkohol-Zuspruchs von Herrn Meininger und drang erst nach einigen Minuten in dessen Wohnung ein. Wie und wem es in dem damals allgemein herrschenden Chaos medizinisch gelang, dem Rentner
trotz seiner fürchterlichen Verletzung und des starken Blutverlusts das Leben zu retten, weiß ich nicht. Vielleicht erhielt er von den schon am nächsten Morgen im Ort eingerückten US-Soldaten eine weitere angemessene medizinische Betreuung.
Ich erinnere mich aber gut daran, dass Herr Meininger noch eine längere Zeit im Altersheim in Alsterweiler betreut wurde und oft mit seinen zwei Krücken im Dorf unterwegs war. Trotz seiner Behinderung sammelte er die damals noch filterlosen Zigaretten-Stummel auf, die viele der fremden Soldaten (US-Amerikaner und später Franzosen), die unser Dorf besetzt hatten, achtlos wegwarfen. Er entnahm diesen die für ihn wertvollen Tabak-Reste und drehte sich damit Zigaretten zum Eigenverbrauch. Zu einem Kauf besaß er gewiss kein Geld!
Das besagte Mietshaus gibt es lange nicht mehr. Es wurde schon vor mehreren Jahrzehnten von staatlicher Stelle aufgekauft und abgerissen, um so die damals sehr unfallträchtige Straßenkreuzung (heute nur noch Einmündung) übersichtlicher zu machen und somit zu „entschärfen“.“
